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  Christmas Days
 
Christmas Days - Ein Weihnachtsmärchen
by Annelien




 
23./24. Dezember
Das war es – einer dieser Tage. Einer dieser Tage, an denen einfach alles schief ging. Für mich. Es war Weihnachten. WEIHNACHTEN. Der Tag, an dem eigentlich Wunder geschehen sollten. Doch nicht für mich.
Ich saß fest. Auf diesem Flughafen. Seit gestern. Ich wollte nach Hause fliegen. Zu meiner Familie. Ich wollte einfach ein ganz normales Weihnachtsfest verbringen. Was man so unter „normal“ versteht. Ich wollte mit meinen Liebsten feiern. Auch wenn mich „der Liebste“ vor vier Wochen verlassen hat. Es lief schon eine Weile nicht mehr so richtig gut zwischen uns. Also keine Überraschung, als er mir mitteilte, dass er gehen wird. Überraschend war jedoch, dass er bereits seit ein paar Monaten eine neue Freundin hatte. Das tat weh. Aber ich kann gut verdrängen.
Und es war nicht schlimm. Ich hatte mein Leben wieder. Ich konnte in die Zukunft sehen. Ich war glücklich – auch wenn ich es nicht sein sollte. Ich war es.
Bis gestern Mittag. Das Flugzeug hätte bereits um acht Uhr morgens abheben sollen. Doch dann war dieser Schneesturm aufgetaucht. Der Schneesturm, der erst morgen unsere Stadt erreichen sollte. Er kam einfach mal so zwei Tage früher. Und nach ewigem Hin und Her hatten sich die Fluggesellschaft und der Flughafen dazu entschieden, dass sie erst wieder starten würden, wenn der Sturm vorüber gezogen wäre. Doch dieser dachte nicht mal daran sich anderswo auszutoben. Ich saß hier fest – was auch daran lag, dass ich aus der gemeinsamen Wohnung mit Shawn ausgezogen war und bei einer Freundin wohnte. Bei der Freundin, die einen Tag früher zu ihrer Familie geflogen war. Was soll ich noch sagen? Ich war so schlau und hatte den Schlüssel der Wohnung IN der Wohnung vergessen, als ich mit meinem Koffer Karens Wohnung verlassen wollte. Die Tür war zu. Der Schlüssel drin. Aber das Ticket hatte ich in der Tasche. Das Ticket, das nun zu nix mehr zu gebrauchen war. Vorerst. Da Karen zwei Tage vor mir zurückkehren würde, habe ich mir auch nichts weiter dabei gedacht.
Mein Leben also. Chaos pur. Wenn es mich traf, dann richtig. Folglich hieß das im Moment für mich, hier auf dem Flughafen sitzen bleiben. Mit all den anderen Leuten, die warten mussten. Ja, ich habe schon versucht ein Zimmer in einem der angrenzenden Hotels zu buchen. Aber ziemlich sinnlos, weil ich ja erst gestern mitten in der Nacht auf die glorreiche Idee des Zimmers gekommen bin. Und andere haben nun mal eher nachgedacht.
Ist ja auch egal. Ich saß hier fest. Und stand auf der Warteliste sämtlicher Hotels.

Und genau in diesem Moment, als ich beginnen wollte, doch in ein wenig Selbstmitleid zu versinken, klingelte mein Handy.
„Hallo?“ ging ich müde an den Apparat.
„Miss Roberts?“ hörte ich eine männliche Stimme fragen.
„Ja, die bin ich“, nickte ich – obwohl mein Gesprächspartner mich ja nicht sehen konnte.
„Hallo, hier ist Peter, vom Hilton“, stellte er sich vor. Vage konnte ich mich erinnern mit ihm vor Stunden gesprochen zu haben.
„Ja?“ standen jede Menge Fragezeichen über meinem Kopf. Wieso rief er an? Wieso ausgerechnet das teuerste Hotel am Ort? Hatte er überhaupt ein Zimmer für mich?
„Sie stehen auf der Warteliste für ein Zimmer ganz oben auf meiner Liste“, erzählte Peter vom Hilton mir. „Und ich darf Ihnen mitteilen, dass wir ein Zimmer frei haben. Zwar mit einem Doppelbett...“
Das ist mir doch egal. „Ich nehme es“, rief ich aufgeregt in den Hörer. Und im nächsten Moment wurde mir bewusst, dass ich wahrscheinlich für dieses Zimmer mein ganzes Erspartes verwenden müsste. Aber das war mir in diesem Moment völlig egal. Ich wollte nur noch unter eine heiße Dusche oder ein Bad nehmen – und dann in ein kuscheliges weiches Bett fallen.
„Das ist toll“, freute sich Peter am anderen Ende. „Dann erwarten wir Sie in der nächsten Stunde hier.“
„Vielen Dank“, rief ich noch, bevor ich auflegte, nach meinem Koffer griff und mich in Richtung Flughafenausgang bewegte. Dabei stieß ich mit einem Mann zusammen, bei dem ich mich eiligst entschuldigte, ihn jedoch keines Blickes würdigte. Hätte ich es getan, hätte ich seinen amüsierten Blick gesehen. Doch das sollte ich ja noch...
Peter erwartete mich bereits und führte mich sofort hinauf in den sechsten Stock des Hotels. Er schloss das Zimmer auf – und ich war überglücklich. Ein riesengroßes Bett nahm diesen Raum ein. Im Badezimmer gab es eine überdimensionale Badewanne, in die in mich gleich zurückziehen würde, sobald Peter das Zimmer verlassen hatte.
„Das Zimmer kostet zur Zeit eintausend Euro pro Nacht“, teilte mir Peter nun endlich die Hiobsbotschaft mit. „Aber es ist mit Frühstück, Mittagessen und Abendessen, falls Sie noch eine Nacht bleiben müssen. Die zweite und dritte Nacht sind dann um 25% günstiger.“
Ich schnaufte tief durch. Wie ich es mir gedacht hatte. Ich überschlug kurz im Kopf – falls der Flughafen also frühestens in drei Tagen wieder öffnen würde, wäre mein Erspartes bis auf ein paar Euros dahin. Aber was solls? Ich war allein – für wen würde ich das Geld sonst verwenden? Ebenso gut konnte ich das hier als kleinen Kurzurlaub einstufen.
„Die Benutzung der Sauna und des Poolbereichs steht Ihnen natürlich für diesen Preis frei zur Verfügung“, teilte mir Peter noch mit, der mein Zögern natürlich bemerkte.
„Okay, wenn ich noch eine Massage dazu bekomme, nehme ich das Zimmer“, grinste ich ihn also frech an. Peter strahlte zurück, nickte und stellte endlich meinen Koffer vor dem Bett ab.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie erst einmal etwas schlafen wollen?“ fragte Peter noch, bevor er das Zimmer verließ.
Sehe ich so furchtbar aus nach einer schlaflosen Nacht auf dem Flughafen?
„Ja, das werde ich tun“, nickte ich und ließ ihn ein schwaches Lächeln sehen.
„Rufen Sie mich an, wenn Sie wach sind“, lächelte er offen zurück. „Ich lasse Ihnen dann einen Snack bringen und sämtliche Informationen unseres Hotels.“
„Vielen Dank, Peter“, bedankte ich mich noch einmal. Dann war ich allein. In diesem Traumzimmer – selbst der Teppich war so dick, dass kein einziger Schritt von mir zu hören war. Das hier war ein Traum. Und ich war mittendrin.
Ich kickte meine Schuhe in die Ecke, zog mich ins Badezimmer zurück und ließ das Wasser in die Wanne einlaufen. Dann zog ich mich aus und wickelte mich noch in einen Bademantel, während ich darauf wartete, dass sich die Badewanne füllte. Eine kleine Auswahl an Badezusätzen stand auf dem Wannenrand – und ich entschied mich für die entspannende Variante. Ich ließ mich von dem Wasserdampf und dem Geruch des Zusatzes einhüllen und wartete darauf, dass ich ins Wasser steigen konnte. Dann endlich war genügend Wasser in der Wanne und ich ließ den Bademantel auf den Boden fallen.
Doch in dem Moment, als meine Zehen die Wasseroberfläche berührten, klopfte es energisch an der Zimmertür. Ich bin nicht da, dachte ich – und stellte meinen Fuß ins Wasser. Himmlisch!
Von wegen. Das Klopfen hörte nicht auf. Im Gegenteil. Es wurde lauter.
Ich stöhnte genervt auf, zog meinen Fuß aus dem Wasser, griff nach dem Bademantel und zog ihn über. Und dann riss ich sauer die Tür auf. Für eintausend Euro pro Nacht erwartete ich schließlich etwas Ruhe!
Vor mir stand Peter. Mit gesenkten Kopf. Er blickte mich entschuldigend an. Neben ihm stand ein größerer Mann. Älter. Graue Haare. Aber ein total autoritäres Auftreten. Mir lief für einen Moment ein Schauer über den Rücken. Das hier bedeutete definitiv nichts Gutes. Was wollten sie?
„Miss Roberts?“ sah mich der strenge Mann durchdringend an.
„Ja?“ entgegnete ich auch fragend.
„Es tut uns sehr leid, aber uns ist bei der Buchung ein Fehler unterlaufen“, teilte er mir ohne irgendeine Gefühlsregung mit.

Und? Was geht mich das an? „Aha“, machte ich nur.
„Wenn es Ihnen möglich ist, würden Sie bitte das Zimmer wieder verlassen?“ knallte er mir entgegen.
„Bitte?“ entfuhr es mir. „Ich habe das Zimmer gebucht und werde es bezahlen...“
„Wie gesagt, uns ist ein Fehler bei der Buchung unterlaufen“, unterbrach er mich sofort wieder in seinem monotonen Singsang. „Das Zimmer ist bereits gebucht gewesen und Peter hier...“
Ich sah zu Peter, der mir furchtbar Leid tat. Aber ich war es, die wieder auf den Flughafen zurück sollte. Mit den ganzen Geräuschen. Ohne Schlaf.
„Nun ja“, fuhr der Mann fort. „Würden Sie einfach Ihre Sachen packen und das Zimmer verlassen? Natürlich bekommen Sie einen Gutschein für unser Haus, den Sie jederzeit benutzen können...“
„Nun, dann tue ich das sofort“, antwortete ich bissig.
Er lächelte müde. „Hören Sie, wir haben einen prominenten Gast, der dieses Zimmer gern hätte und...“
„Ja, und?“ unterbrach ich ihn. Mittlerweile war meine Entspannung wie weggeblasen – ich war auf einhundertachtzig. Was bildete sich dieser Lackaffe hier eigentlich ein? „Und selbst wenn der Pabst persönlich da draußen irgendwo steht... Ist mir doch egal. Ich war zuerst da. Sagen Sie Ihrem Gast, wenn er dieses Zimmer will, wird er es sich mit mir teilen müssen.“ Damit drehte ich mich genervt um und stürmte zurück ins Badezimmer.
Oh Gott! Wer weiß, was das für ein alter ergrauter Star war, dem ich gerade die Hälfte dieses Hotelzimmers angeboten hatte! Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinunter. Ich hörte, wie die Tür endlich geschlossen wurde. Gut, endlich allein. Die hatten sie ja wohl nicht mehr alle! Mir erst ein Zimmer zuweisen und mich dann praktisch auf die Straße entlassen wollen. Geht´s noch? Es war immerhin Weihnachten. Schon mal was von Nächstenliebe gehört?
Nein, ganz ruhig. Ruhig atmen, sagte ich zu mir selbst. Das ganze Badezimmer war von dem Entspannungszusatz eingehüllt. Und endlich wirkte es auch wieder auf mich.
Langsam sank der Bademantel wieder zu Boden. Und endlich umschloss das warme Wasser meine Füße. Dann meine Beine. Und schließlich den gesamten Körper. Oh Gott, tat das gut! Sämtliche Entspannungen durch das lange Sitzen auf den unbequemen Stühlen im Flughafen lösten sich langsam aber sicher in Wohlgefallen auf. Es war himmlisch. Ich schloss meine Augen und entspannte mich. Ich blendete alles aus. Mein ganzes Leben. Hier zählte nur das Hier und Jetzt. Wie lange konnte man eigentlich im Wasser liegen, bevor man sich in Luft auflöste?
Wahrscheinlich hätte ich es an diesem Tag erfahren – wenn es nicht schon wieder an der Tür klopfte. Nein, ich wollte nicht öffnen. Ich dachte gar nicht daran, mich aus meiner Entspannung zu lösen. Doch dann hörte ich, wie die Tür sich öffnete.
Augenblicklich war ich zurück. In der Gegenwart. Das durfte doch nicht wahr sein, oder? Der Manager hatte doch mein Angebot nicht wirklich ernst gemeint? Oder schleppten sie einfach so meine Sachen nach draußen und warteten darauf, dass ich mich anziehen würde? Konnten diese Leute mich wirklich mit Gewalt aus diesem Zimmer entfernen? So war konnte ja auch wieder nur mir passieren.
Schnell stand ich auf, verteilte natürlich das Wasser auf dem Boden. Ich schnappte den Bademantel, zog ihn wieder über. Meine Haare hinterließen eine klatschnasse Spur, als ich das Zimmer verließ.
„Hören Sie“, stürmte ich auch dem Bad ohne weiter lange zu überlegen. „Sie könnten mich nicht zwingen, dieses Zimmer zu verlassen. Und vielleicht behalte ich das Zimmer auch lieber allein für mi...“ Und die nächsten Worte bleiben mir einfach im Hals stecken.
OH MEIN GOTT! Es war Weihnachten, ja. Ohne Zweifel. Und an Weihnachten geschahen Wunder. Aber das hier?
Da stand er vor mir. Mister Perfect. Mister „Man of the Year“. Der Mann mit dem heißesten Body, den ich je gesehen hatte. Der Mann, dessen Augen die Farbe wechseln konnte. Der Mann, dessen Lächeln selbst die Pole zum Schmelzen bringen konnte. Und das würde er – wenn er jemals dort stehen würde.
Da stand er also. In MEINEM Hotelzimmer. Ganz lieb und artig. Und sagte: „Hi.“

„Das ist nicht witzig“, knurrte ich. Denn ich war mir sicher, meine Fantasie spielte mir einen üblen Streich. War ich etwa in der Badewanne eingeschlafen und bereits im Land der Träume angekommen? War ich untergegangen und mein Gehirn bekam nicht genügend Sauerstoff?
Ich wich zwei Schritte zurück – und stieß mit dem Fuß schmerzhaft gegen eine Kommode. Okay, ich war definitiv wach. Aber so was von. Ich verkniff mir einen Fluch und starrte mein Gegenüber wieder an.
„Hi, ich bin Alex“, stellte er sich vor, als wäre es das Normalste auf dieser Welt. Als wäre er nicht soeben in MEIN Hotelzimmer eingebrochen. Als ich nichts sagte, redete er einfach weiter: „Ich finde es toll, dass Sie sich das Zimmer mit mir teilen wollen. Auf dem Flughafen war es grauenhaft...“
Moment mal! Flughafen? ER war auch auf dem Flughafen? So viel also dazu, dass dieses Zimmer bereits seit langem reserviert gewesen ist. Was für ein Lügner! Männer – die logen doch, sobald sie den Mund nur aufmachten.
Alex stellte seinen Koffer ans Fenster. „Ist doch okay, wenn ich diese Seite des Bettes nehme?“ sah er mich fragend an.
„Nein, ist es nicht“, waren die ersten Worte, die ich zu ihm sagte.
Er zog eine Augenbraue nach oben und sah mich irritiert an. Gott, musste MacGarrett so sexy sein? Aber das hier war nicht Steve oder Stan oder Mick... Das hier war der Echte. Und der war auch nur ein Mann. Basta.
„Ich habe es mir überlegt“, teilte ich ihm mit. „Ich werde dieses Zimmer nicht mit einem fremden Mann teilen!“
„Sie kennen meinen Namen“, grinste er mich an und verschränkte seine Arme vor dem Körper.
„Hören Sie, ich war zuerst da“, begann ich von neuem. Nicht, dass die Aussicht, eine Nacht oder mehr mit ihm hier allein in diesem Zimmer zu verbringen, nicht verlockend gewesen wäre, aber wo kämen wir denn da hin, wenn alle machen konnten, was sie wollten? Nein, auch nicht an Weihnachten. Definitiv nicht. Nicht mit mir.
„Ich zahlte auch brav die Hälfte des Zimmers“, sagte er nun.
Man, der Mann hatte Argumente. Argumente, die ich nicht so einfach in den Wind schlagen konnte. Immerhin würde das mein Sparkonto nicht ganz so schmälern. Aber nein! Hier ging es ums Prinzip.
„Die Bettseite zum Fenster ist meine“, hob ich nun herausfordernd mein Kinn. Mein Zimmer. Meine Regeln. Wenn es ihm nicht passte, konnte er ja gehen.
„Heute Nacht“, trat er an mich heran. Ich wich zurück, doch mehr als ein Schritt war nicht drin. Da stand die Kommode. Ich presste meinen Rücken dagegen. „Und morgen tauschen wir.“ Ganz dicht vor mir blieb er stehen. Sein Atem streichelte meine Wange. Ich nahm seinen Duft wahr – und für einen Moment, aber nur einen klitzekleinen Moment, setzte mein Gehirn aus.

„Sie... wollen also nicht... wieder gehen?“ brauchte ich hauchend hervor. Ich verschränkte die Arme vor meinem Körper. Immerhin nahm mein Gehirn seinen Dienst gerade wieder auf – und teilte mir mit, dass ich vor diesem trotzdem fremden Mann nur mit einem Bademantel bekleidet dastand. Immer noch tropfend.
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihre Gesellschaft der von hundert anderen auf dem Flughafen vorziehen“, teilte er mir mit und hielt meinen Blick mit seinem gefangen.
„Aha“, machte ich nicht gerade sehr geistreich.
Alex kam noch einen Schritt näher. Jetzt passte nichts mehr zwischen uns. Kein Blatt Papier. Keine Feder. Nichts. Seine Kleidung berührte meine. Und ich hatte das Gefühl, ich könnte nicht mehr atmen. Es war schon peinlich, vor diesem Traummann zu stehen – und hechelnd zu atmen, als hätte man gerade einen Tausend-Meter-Lauf hinter sich.
„Dann... sollten wir das Zimmer vielleicht teilen“, hörte ich mich sagen. Hallo? Erde an Gehirn? Wo soll das hier noch enden? Wie viel Müll konnte ein Gehirn eigentlich produzieren?
„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“ machte er entsetzt einen Schritt zurück. „Wir sind beide erwachsen...“
„Woher weiß ich, dass Sie nicht gleich über mich herfallen?“ So, die Grenze der Peinlichkeit meinerseits war also erreicht. Ich gratulierte mir selbst und fragte mich, ob in diesem überaus noblen Hotel ein Mauseloch zu finden war, in das ich hineinkriechen konnte.

Ich hörte ihn leise auflachen. Und es klang so... awrrrr... sexy! Er kam wieder den einen Schritt auf mich zu. Oh ja, die Schnappatmung setzte augenblicklich ein. Nein, es war nicht peinlich. Nicht, solange mein Gehirn weiter den Dienst versagen würde.
„Vielleicht werfe ich Sie ja gleich über meine Schulter und entführe Sie zurück ins Badezimmer“, flüsterte er mir zu.
DAS war ja wohl die Höhe! Mein Mund ging auf. Und wieder zu. Und auf... aber es kam nichts heraus. Was bildete sich dieser Mann eigentlich ein? Er hatte sich in MEINEM Zimmer anständig zu benehmen!
Ich drängte mich an ihm vorbei und floh ins Bad. Die Tür flog hinter mir zu. Und ich drehte den Schlüssel um. Dann stand ich da und starrte die Tür an. Ich schüttelte meinen Kopf. Das war hier alles nicht wirklich gerade passiert. Mein Blick fiel auf die immer noch gefüllte Badewanne. Wer weiß, was in diesem Badezusatz gewesen ist? Vielleicht war der ja schon lange abgelaufen. Und ich hypnotisierte. Ja, genau, das musste es sein. Hallo? Wann würde das schon passieren, dass ausgerechnet ER in MEINEM Hotelzimmer auftaucht, wenn ICH an Weihnachten am Flughafen festsaß? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit? Ich glaube, ein Lottogewinn wäre wahrscheinlicher.
Okay, ich werde jetzt da raus gehen und mir Sachen holen. Und ich weiß, dass ER nicht mehr da sein wird. Schnell öffnete ich den Abfluss der Badewanne, damit das Wasser ablaufen konnte. Dann zog ich den Knoten am Bademantel noch einmal fester und schloss die Tür wieder auf.
Ja, ich war soweit. Ich drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür.

Und... da war... niemand. Nein, da war wirklich niemand. Ich sah mich suchend um. Doch ich entdeckte keinen Alex. Auch keine Tasche. Hatte ich mir wirklich alles nur eingebildet? Ja, wahrscheinlich. Das lag wohl am Schlafmangel der letzten Tage. Schnell zog ich frische Unterwäsche aus meiner Tasche und zog mich an. Dann noch ein Shirt darüber – und ab ins Bett. Ich gähnte verhalten und schloss meine Augen. Der Schlaf übermannte mich schnell. Bevor ich tief ins Land der Träume fiel, hörte ich, wie die Zimmertür geöffnet wurde. Aber das war nur Einbildung. Ich ließ mich nicht zurück in die Wirklichkeit holen. Ich wollte einfach nur schlafen – und genau das tat ich auch.
Ich war mitten in meinem Traum. Wirklich mittendrin. Ich fühlte sogar, was ich träumte. Also warum aufwachen? Es fühlte sich einfach nur gut an. Warm. Geborgen. Ich spürte einen Hauch in meinem Haar, der gleichmäßig wiederkehrte. Was auch immer es war – es nervte nicht. Ich spürte einen Arm, der auf meinem Bauch lag. Finger, die über meine Haut streichelten. Meine Härchen stellten sich auf, ein Kribbeln überzog meinen Körper. Und auch mitten hindurch.
Ich knurrte leise – vielleicht schnurrte ich auch – und drehte mich auf die Seite. Immer noch mitten in meinem Traum. Dachte ich jedenfalls. Doch nun spürte ich den warmen Hauch in meinem Gesicht. Und meine Nase berührte... eine Wange? Egal, es war ein Traum. Ich wollte nicht aufwachen. Diese Wange fühlte sich warm an. Ein klein wenig stachelig, aber angenehm. Mehr als nur angenehm. Ich schob meine Wange an diese andere. Plötzlich spürte ich Lippen. Angenehm weiche Lippen. An meinen. Lippen, die meine Lippen berührten. Die mich küssten. Und ich küsste zurück.
Okay, ich gebe zu, der Traum fühlte sich real an. Und manch anderer hätte früher mitbekommen, dass er real war. Aber ich wollte einfach nicht. Dafür war alles einfach zu perfekt. Und wann war das Leben schon mal perfekt?
Doch der Kuss endete. Und somit auch mein Traum. Denn ich hörte etwas. Worte. Jemanden, der zu mir sagte: „Guten Morgen, Sonnenschein!“

Und das war es dann. Ich war schlagartig wach. Ich meine, ich war so was von wach. Von Null auf Einhundert – und das in weniger als einer Sekunde. Ich riss meine Augen auf – und starrte in ein wundervolles Grün. Oder Blau? Irgendetwas dazwischen. Es riss mich mit sich in eine Tiefe, die ich für einen kurzen Moment nicht verlassen wollte. Bis sich jedoch plötzlich mein Gehirn einschaltete.
Denn da lag jemand in meinem Bett. Mit mir. Und ich war... nun ja, fast nackt. Ich spürte immer noch die Hand auf meinem Bauch, die zärtlich weiter streichelte. Ich spürte den Atem – doch jetzt war der Traum vorbei. Was zur Hölle machte der Kerl in MEINEM Bett? Mit weit aufgerissenen Augen sah ich ihn an und setzte mich auf. Rückte so weit von ihm fort, dass ich beim nächsten Millimeter ganz sicher aus dem Bett gefallen wäre.
„Was machst du hier?“ blaffte ich ihn an und zog an der Decke. Ich wollte wenigstens etwas mehr von meiner Haut verdecken.
Keine gute Idee. Denn nun wurde sein Oberkörper enthüllt. Und er trug nichts weiter als Boxershorts, wie ich feststellen konnte. Also – vielleicht war die Idee doch ganz gut. Bloß nicht sabbern! Das würde sicher komisch aussehen.
„Ich liege im Bett“, drehte er sich auf die Seite und stützte seinen Kopf mit dem Arm ab.

Klasse, das war die Antwort auf meine Frage, die ich wissen wollte. Wie überaus witzig!
„Nein, ich meine, was du HIER machst, in diesem Zimmer“, wollte ich wissen und räusperte mich. „Du warst weg, als ich ins Bett ging...“ Wie spät war es überhaupt? Ohne auf seine Antwort zu warten, angelte ich mein Handy aus der Tasche. Oh, halb sieben Uhr. Abends. So viel also zu dem kurzen Nickerchen. Es war Weihnachten – und ich saß immer noch hier fest.
„Ich war nur kurz etwas essen gewesen“, beantwortete Alex doch noch meine Frage.
„Aha“, machte ich. Meine Gedanken überschlugen sich und ich versuchte sie zu ordnen. Es war Heiligabend. Ich lag mit einem ... Fremden im Bett. Hatte so gut wie nichts an. Und zu allem Überfluss meldete sich jetzt auch noch lautstark mein Magen zu Wort.
Alex lachte heiser auf. Maaaaaaaaan! Wieso raubte mir dieser Mann sämtliche Sinne? Ich wollte meine Gedanken ORDNEN. Aber nein, sie wurden verdrängt. Von Bildern. Nicht jugendfreien Bildern, die vor meinem inneren Auge erschienen. Wieso lag dieser Mann auch einfach so halbnackt in meinem Bett? Gott, ich wünschte, ich wäre ein wenig selbstbewusster... Es gibt sicher Frauen, die meine Gedanken sofort in die Tat umgesetzt hätten. Nur leider war ich ich...

„Wir könnten uns etwas zu essen aufs Zimmer bestellen“, schlug Alex vor und setzte sich auch auf. „Dann könnten wir im Bett bleiben...“ Er ließ den Satz offen. Und ich vermied es ihn anzusehen und versuchte weiter diese Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen. Es wäre überaus peinlich gewesen, wenn er meine Gedanken hätte lesen können. Nein, es wäre mehr als peinlich... Also wich ich seinem Blick aus und drehte mich weg.

Genau so hatte ich mir den Weihnachtsabend ja auch vorgestellt. Mitten im Nirgendwo (okay, ich wusste natürlich, wo ich war) mit einem wildfremden Mann (nein, das ist er auch nicht) völlig allein (wenn man von den restlichen Hotelgästen und den Angestellten einmal absah).
„Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?“ hörte ich es plötzlich hinter mir fragen.
MEINEN Namen? Warum? Damit ich nächstes Jahr von ihm eine Weihnachtskarte bekommen würde? Ganz sicher nicht. Wir würden vielleicht diese Nacht dieses Zimmer miteinander teilen. Und vielleicht auch noch die nächste. Und dann... ja, dann würden wir uns niemals wiedersehen. Also tat ich, was ich in dieser Situation für richtig hielt. Ich sagte ihm einen Namen – aber nicht meinen.
„Julie“, stellte ich mich vor.
Ich spürte den brennenden Blick in meinem Rücken. Nein, ich konnte mich nicht zu ihm umdrehen und ins Gesicht lügen. Noch nicht. Ich brauchte noch ein paar Minuten um mich zu fangen. So zwei oder drei. Oder zwanzig oder dreißig.
Plötzlich bemerkte ich, wie Alex sich hinter mir bewegte – und plötzlich spürte ich seinen Atem in meinem Nacken. Das Kribbeln war wieder da. Gut, dass er mich nicht sehen konnte, als ich meine Augen schloss.

„Julie“, flüsterte er den Namen. Wieso machte mein Herz diesen Salto? Und setzte dann für einen Moment aus, um danach stark und schnell gegen meine Rippen zu pochen?
Ich fühlte immer noch die Wärme seines Atems an meinem Hals. Ja, allein das erregte mich. Doch wen hätte das nicht? Wenn er mich jetzt küssen würde, an dieser Stelle auf meinem Hals... ich glaube, dann hätte sich mein Verstand verabschiedet. Und hätte Urlaub im Niemandland gemacht. Doch er tat es nicht.
Und so wurde aus der Sparflamme langsam wieder ein Feuer. Und mein Verstand begann zu atmen. Essen. Er hatte gerade wegen Essen gefragt. Und nein, ich wollte nichts hier aufs Zimmer bestellen. Denn ich musste hier raus. Aus diesem Zimmer. Weg von ihm. Unter Leute. Diese Nähe... und diese Zweisamkeit... Himmel, es war Weihnachten. Und hier gehörte ich definitiv an diesem Abend nicht hin!
Das Klingeln meines Handys riss uns nun noch zusätzlich aus der Trance.

„Ja?“ ging ich an das Telefon. Meine Schwester war am anderen Ende der Leitung. „Ich weiß, dass ihr wartet. Ich kann hier nichts machen. Wahrscheinlich komme ich erst übermorgen. Ja, es tut mir auch leid. Nein, ich bin nicht mehr auf dem Flughafen. Ich habe ein Zimmer in einem Hotel. Nein, es ist keine Spelunke. Es ist das Hilton, Mary. Ja, ich kann es bezahlen. Macht euch keine Sorgen. Ich melde mich, sobald ich weiß, wann der Flieger geht. Ja, sag allen einen lieben Gruß. Bis später, Schwesterherz.“ Und damit war das Gespräch beendet.
So, jetzt war ich wieder ich selbst. Ich weiß nicht warum, aber nach dem Gespräch mit meiner Schwester hatte ich mich wiedergefunden. Ich hielt die Decke fest um mich gewickelt, als ich aufstand und mich zu ihm umdrehte.
„Ich werde im Restaurant etwas essen gehen“, teilte ich ihm dann mit.
„Okay, auch gut“, stand Alex ebenfalls auf. Gott, war dieser Mann heiß! „Dann gehen wir ins Restaurant.“
WIR? Wer hatte etwas von WIR gesagt?
„Ist doch okay, wenn ich dir ein wenig Gesellschaft leiste, oder?“ grinste er mich schief an, als hätte er doch meine Gedanken erraten.
„Ähm, klar“, beeilte ich mich zu sagen – und verschwand ins Badezimmer. Oh mein Gott, so hatte er mich gesehen? Völlig entnervt starrte ich in den Spiegel. Notiz an mich: morgen am besten vor ihm wach werden und schon mal Haare kämmen und Make-up auftragen. Schnell erledigte ich meine Morgentoilette – wohlgemerkt am Abend. Dann fiel mir ein, dass meine Sachen ja im Zimmer standen.
Na und? Wir waren beide erwachsene Leute. Hoch erhobenen Hauptes – nicht halb so selbstbewusst, wie es vielleicht aussah – ging ich zurück ins Zimmer und stellte meine Tasche aufs Bett. Alex hatte sich inzwischen angezogen. Halbwegs. Er trug eine Jeans. Und ein Hemd. Offen. Und ich hatte noch einmal den mehr als nur angenehmen Anblick auf seinen Oberkörper frei. Oh man, jetzt über die kleine Härchen streicheln und sich anlehnen... Nein, diese Gedanken waren nicht erlaubt. Schnell weg damit. Als wenn das klappen würde, weil ich in meine Tasche starrte! Ja, genau.

Dann saßen wir im Restaurant. Ich hatte die Karte vor mir liegen – und starrte auf die Preise. Oh man, wenn ich hier ein Menü bestelle, werde ich mindestens zwei Wochen nichts zu essen haben.
„Was nimmst du?“ sah Alex mich plötzlich an – und störte meine Rechnereien.
„Ich weiß noch nicht“, murmelte ich.
„Wenigstens ist das Essen im Zimmerpreis enthalten“, zwinkerte er mir verschmitzt zu. Oh ja, das hatte ich ja ganz vergessen. Was gab es denn hier? Uh, Austern und Hummer...
„Ich nehm die Nudeln“, entschied ich spontan.
„Wirklich?“ sah Alex mich nun überrascht an. „Keinen Hummer?“
„Nein“, schloss ich die Menükarte. Wieso fragte er?
„Interessant“, murmelte Alex und vertiefte sich wieder in seine Karte.

„Bitte?“ hakte ich unwillkürlich nach. Was sollte denn daran interessant sein?

„Nichts“, bekam ich eine Antwort, die keine war. Dann kam auch schon der Kellner und wir bestellten.
„Wein?“ fragte Alex und sah mich an. Es war Weihnachten – ich nickte. Wieso nicht?
Wenig später saßen wir vor unseren Tellern gefüllt mit dampfenden Nudeln mit Soße und stießen auf den Weihnachtsabend an. Ich muss zugeben, ich war froh nicht allein sein zu müssen. Gerade an Weihnachten. Wer war denn auch schon an diesem Abend gern allein?
„Wieso bist du hier?“ platzte ich meine Frage so plötzlich heraus, dass Alex zusammenzuckte.
„Geschäftlich“, antwortete er nur. Gesprächig war wohl was anderes. Wieso hatte er im Zimmer so viel geredet, als wir allein waren? Jetzt saß ein völlig anderer Mann vor mir. – Wobei ich mir eingestehen musste, dass auch ich eine völlig andere war. Ich fühlte mich hier nicht so unsicher. Was war nur los mit uns?
Schweigend aßen wir und tranken den Wein. Ich hätte das zweite Glas vielleicht stehen lassen sollen, denn der Alkohol stieg mir ziemlich schnell zu Kopf. Aber was sollte es? Es war Weihnachten. Zwar ohne den jährlich üblichen kleinen Familienstreit zwischen meinen Geschwistern, aber ansonsten war ich doch so allein wie immer.
Gegen neun gingen wir zurück ins Zimmer. In unser Zimmer. Es fühlte sich alles so eigenartig an. Wir hatten kaum miteinander gesprochen während der vergangenen Stunden beim Essen. Aber es war nicht unangenehm gewesen. Jeder von uns hing wohl eigenen Gedanken nach. Und was konnte er mir schon erzählen? Er lebte ein Leben völlig verschieden von meinem. Und was sollte ich ihm erzählen? Mein Leben war... normal, da gab es nichts Aufregendes.

„Hast du den Zimmerschlüssel?“ fragte ich, während ich mit zitternden Fingern die kleine Handtasche durchsuchte. Der blöde Wein – wieso hatte ich auch noch das dritte Glas getrunken? Ich war nicht unzurechnungsfähig, aber es reichte einfach. Ich wollte mich hinlegen und die Nacht verschlafen. Wenigstens würde ich nicht lange genug wach liegen, um über den Mann nachzudenken, der neben mir im Bett liegen würde.
„Ja, habe ich“, grinste er mich an und öffnete die Tür.
„Danke“, verdrehte ich die Augen und ging an ihm vorbei. Doch kaum war ich durch die Tür, wurde ich an die Wand gedrückt und die Tür fiel ins Schloss. Alex stand vor mir. Ich starrte ihn an. Was hatte er vor?
Er hob seine rechte Hand und strich über meine Wange. Fuhr durch mein Haar, spielte mit einer Strähne. Und die ganze Zeit über hielt er mich mit seinem Blick gefangen. Mit seinen Augen. Ich glaube, in diesem Moment hätte mein Gehirn auch ohne den Alkohol einen Urlaubsantrag gestellt und diesen ohne Genehmigung angetreten.
„Julie“, sprach er den Namen aus, den ich ihm genannt hatte.

„Alex“, flüsterte ich gedankenlos seinen Namen. Sein Daumen strich über meine Lippen. Und ich schluckte trocken. „Was...?“ wollte ich eine Frage stellen, doch er beugte sich vor und küsste mich. Keine Ahnung warum, aber es fühlte sich einfach nur unglaublich an. Unglaublich gut. Fantastisch. Perfekt. Ich erwiderte den Kuss und ließ es zu, dass er sich an mich lehnte. Seine Hände umfassten meine Taille und ich ließ alles einfach nur geschehen.

 
„Was tust du da?“ wollte ich wissen, als er sich plötzlich samt mir von der Wand löste und uns beide weiter ins Zimmer dirigierte. Es dauerte nur Sekunden, dann spürte ich das Bett hinter mir. Nervös sah ich Alex an.
„Ich glaube, das ist keine gute Idee“, murmelte ich und wollte mich aus seiner Umarmung lösen. Ich wollte gar nicht wissen, mit wem dieser Mann schon alles das Bett geteilt hatte – und ich konnte da ganz gewiss nicht mithalten.
„Ich glaube, das ist eine sehr gute Idee“, hörte ich ihn in mein Ohr flüstern. Uh, da war sie wieder – die Gänsehaut. Überall. Seine Lippen küssten mich an meinem Hals. Er knabberte an meinem Ohr – und ich lachte leise auf. Ja, das kitzelte.
Er griff nach meinen Händen und dann waren meine Arme in der Luft. Ehe ich noch nachdenken konnte, landete mein Shirt auf dem Boden. Jap, der Alkohol machte sich bemerkbar. Normalerweise wäre ich wohl jetzt vor Scham im Erdboden versunken. Doch was dachte ich in diesem Moment? Gleiches Recht für alle – und schon begannen meine Finger die Knöpfe seines Hemdes aufzumachen. Gott, dieser Mann sollte für sein Lächeln einen Waffenschein haben. Und was war nun peinlich? Dass ich diese Worte laut ausgesprochen hatte. Natürlich ohne es zu merken.

„Was?“ sah er mich irritiert an.

„Was was?“ fragte ich ebenso irritiert nach. Mir war nicht bewusst, dass ich ausgesprochen hatte, was ich dachte.
Jetzt grinste er. Verdammt! Selbst mit Alkohol wurde es gerade peinlich.
Doch Alex ließ mir keine Zeit zum Nachdenken. Er schob meine Hände zur Seite und zog sich das Hemd aus. Ich hörte den Stoff leise rascheln, als es zu Boden fiel. Und dann blieb mir fast die Luft weg. Ich meine, wir wissen alle, wie heiß er schon im Fernsehen rüberkommt. Aber das hier? So vor ihm zu stehen? Gott im Himmel, wie konntest du nur so einen Mann erschaffen? Wenn das Adam gewesen wäre – ich glaube, Eva hätte gar keine Chance gehabt ihm zu widerstehen – Schlange und Apfel hin oder her. Und ich wäre so gern Eva gewesen...
Naja, eigentlich bin ich das ja gerade.
Gegen meinen Willen musste ich bei diesem Gedanken grinsen. Ich stand also vor IHM. Vor Alex – und grinste. Ob ich einfach noch auf dem Flughafen saß und träumte?
Als mich nun seine Hand berührte, wusste ich, dass es nicht so war. Ich sah ihm direkt in die Augen, während er seine Hände über meinen Bauch gleiten ließ. Er strich über meine Seiten entlang zum Rücken. Ich schloss für eine Sekunde meine Augen – und als ich sie wieder öffnete, legten sich bereits seine Lippen auf meinen Mund.

Verstand? Abgeschalten. Gedanken? Mit in den Urlaub gegangen. Gefühle? Loderten lichterloh. Ja, ich hatte das Gefühl in Flammen aufzugehen. In seinen Armen. Seine nackte Haut berührte meine. Und ich hätte schwören können, ich verbrannte gerade. Wenn es sich nicht so gut anfühlen würde. Ich weiß nicht, wie er es machte. Doch plötzlich lagen wir beide im Bett. Völlig nackt. Alex lag über mir und sah mich an.

“Frohe Weihnachten“, lächelte er mich an.
Weihnachten? Oh ja, das fiel ja gerade mit Ostern auf einen Tag. Oder nicht? Ich wartete darauf, dass etwas passierte. Dass er dieses Brennen in mir löschen würde. Dass er mich erlösen würde. Dass er das beenden würde, was er angefangen hat. Doch es passierte... nichts. Irritiert sah ich ihn an.
„Was?“ wollte ich wissen, als er mich einfach nur ansah.
„Was willst du?“ entgegnete er mit einer Gegenfrage.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ stöhnte ich auf. Ich wollte ihn von mir schieben. „Für Spielchen dieser Art bin ich mir echt zu schade“, maulte ich.
„Wer sagt, dass wir hier spielen?“ drückte er mich zurück ins Kissen und küsste mich sanft. Und wieder. Und wieder. Verdammt! Ich wollte mehr. Also hob ich meine Hände und hielt sein Gesicht fest. Ich drückte meine Lippen auf seine und verlangte nach mehr. Was er mir endlich gab. Unsere Zungen berührten sich, das Kribbeln wurde wieder stärker.

Ich ließ nun meine Hände in seinen Nacken wandern, streichelte durch sein Haar. Dann zog ich mit meinen Fingernägeln eine Spur über seinen Rücken. Wenn er spielen wollte, konnte er das haben. Das konnte ich auch!

Alex stöhnte auf, als ich an seinem Lendenbereich angekommen war.
„Warte“, bat er und griff nach meinen Händen. Er drückte sie in die Matratze.
„Worauf?“ fragte ich bissig. Wie lange wollte er mich noch hinhalten? Männer...
Alex sah mir tief in die Augen, dann spürte ich ihn. Ganz langsam. In mir. Ich wagte kaum zu atmen. Das hier geschah wirklich! Ich bog mich ihm entgegen, nahm ihn in mir auf. Und endlich ließ er meine Hände wieder frei.
„Ist alles okay?“ sah er mich fragend an.
„Alex, halt einfach die Klappe“, sagte ich und stahl mir einen weiteren Kuss. „Wenn es nicht okay wäre, würdest du nicht in meinem Bett liegen. In meinem Zimmer...“
„In unserem Zimmer“, verbesserte er mich und lachte heiser auf. „In unserem Bett...“
„Alex, bitte“, jammerte ich und bewegte mich unter ihm.
„Versprich mir, dass du morgen Früh noch da bist“, hörte ich ihn leise fragen. Wo sollte ich denn sonst sein? Ich sah ihn an. Wo kam plötzlich dieser Schmerz in seinen Augen her?
„Ich verspreche dir, dass ich hier sein werde“, erfüllte ich ihm seinen Wunsch. Dann riss er mich mit. In einen Strudel. Voller Leidenschaft. Und... Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. War es nicht nur Sex? Wir kannten uns doch gar nicht. Und Liebe war etwas... das passierte zwischen zwei Menschen, die ihre Seele einander offen legten. Doch taten wir das nicht genau in diesem Moment?

Als es passierte, als die Welt um uns herum versank, als das Feuerwerk explodierte... Ich weiß, dass wir es gemeinsam sahen. Ich krallte meine Nägel in seinen Rücken. Und er holte sich einen langen Kuss. Und dann... lagen wir einfach da. Schwer atmend. Ich spürte den Schweißfilm auf seiner Haut. Und auf meiner. In diesem Moment wünschte ich mir die Zeit anhalten zu können. Und für eine kleine Ewigkeit hier liegen bleiben zu können. Für immer.

Doch irgendwann war der Zauber verflogen. Die Magie war vorbei. Nein, das war sie nicht. Alex hob seinen Kopf und ich sah in seine Augen. Sie leuchteten. Nur für mich. Sie veränderten ihre Farbe. Von einem dunklen Grün in ein tiefes Blau. Aber nur, um dann himmelblau zu strahlen. Ich legte eine Hand auf seine Wange und streichelte darüber. Es fühlte sich in diesem Moment so richtig an bei ihm zu sein. War es Schicksal, dass wir beide hier gelandet waren? Vielleicht. Wenn ich an so etwas glauben würde. Doch wer glaubte denn an Märchen?
Irgendwann legte sich Alex neben mich. Doch er entließ mich nicht aus seinen Armen. Er hielt mich fest. Zog die Decke über uns beide. Er küsste mich wieder. Und ich glaube, in dieser Nacht bin ich mit seinem Kuss auf den Lippen eingeschlafen.

Es war eigenartig. Das Erwachen am nächsten Morgen. Ich war nicht allein. Ich lag an Alex gekuschelt, hatte mein Gesicht an seinem Hals vergraben, meinen Arm um seine Hüfte geschlungen. Und spürte seinen Atem in meinem Haar. Ob mir das gefiel? Wem würde es nicht?

„Bist du wach?“ hörte ich ihn flüsternd fragen, als ich mich bewegte.
„Nein“, grummelte ich. Ja, ich war ein Morgenmuffel. Und außerdem wollte ich hier nicht weg. Konnte dieser Moment einfach noch andauern? Gegen 24 Stunden hätte ich nichts einzuwenden.
Okay. Ich spürte seine Hand, die meinen Rücken entlang nach unten wanderte. Meinen Po streichelte und dann wieder nach oben wanderte.
„Bist du jetzt wach?“ flüsterte er nun.
„Nein, jetzt will ich weiter träumen“, flüsterte ich zurück. Ich hörte sein unterdrücktes Lachen. Sexy. Und das früh am Morgen. Awrrrrrrrr! Oder sollte ich lieber schnurren?
„Na gut“, forderte mich seine Stimme heraus. Doch ich blieb liegen, wo ich war. Demonstrativ. Was ihn jedoch nicht interessierte. Alex´ Hand wanderte weiter unter der Decke umher. Und ich konnte nicht sagen, dass es mir nicht gefiel. Seine Lippen wanderten wieder meinen Hals entlang. Und ich genoss es. Als er zärtlich in meine Halsbeuge biss, quietschte ich auf.
„Hör auf“, bat ich ihn und drehte mich auf den Rücken. Ein Fehler – oder auch nicht. Denn schon lag er wieder auf mir. Ich öffnete meine Augen und sah ihn an.
„Was wird das?“ lächelte ich ihn an und versuchte meine Augen offen zu halten. Gar nicht so einfach, weil die Sonne hell durchs Fenster schien.

„Guten Morgen, schöne Frau“, flüsterte Alex dicht an meinen Lippen und küsste mich, bevor er mich wieder ansah. „Du bist noch da.“
„Wo sollte ich sonst sein?“ entgegnete ich. Da! Da war er wieder. Der traurige Ausdruck in seinen Augen.
„Es ist der erste Weihnachtsfeiertag“, lenkte er dann ab.
„Und?“ Ich wusste selbst, dass heute der 25. Dezember war.
„An diesem Morgen darf ich immer meine Geschenke auspacken“, verkündete Alex.
„Aha“, machte ich. „Hast du welche dabei?“
Alex grinste und hob eine Augenbraue. „Eins“, antwortete er frech. „Und es liegt vor mir.“
„Zu blöd, dass du es gestern Nacht schon ausgepackt hast“, ging ich auf seinen Witz ein. „Jetzt hast du dir die ganze Überraschung verdorben.“
Er lachte auf. Anscheinend gefiel ihm mein Humor. Alex nahm mein Gesicht zwischen seine Hände. Es war eigenartig. Es fühlte sich an, als würde ich hierher gehören. Zu ihm. Und er zu mir. Als würden wir uns schon ewig kennen. Und wären uns nicht erst gestern begegnet. Ob er dieses Gefühl auch hatte?
„Du bist süß“, meinte er.
Okay. Ich wurde ja schon vieles genannt. Aber süß? Nein, das war ganz gewiss nicht dabei. Daran würde ich mich erinnern. Alex begann an meiner Lippe zu knabbern. Ich wusste, was gleich passieren würde. Und es war sicher nicht die schlechteste Idee, einen Tag zu beginnen. Ich ließ mich fallen – und genoss es ein weiteres Mal ihm so nah zu sein. Zu nah. Viel zu nah.

Wir verbrachten den ersten Weihnachtsfeiertag komplett im Bett. Alex bestellte etwas zu essen aufs Zimmer. Ich genoss die Zeit mit ihm. Wir lagen da und redeten. Was hieß, ich antwortete auf die Fragen, die er mir stellte. Ich traute mich nicht ihn auszufragen. Ihn irgendetwas zu fragen. Es war zu privat. Auch wenn alles so vertraut wirkte, ich selbst stand dazwischen. Es wirkte alles so unwirklich. Hätte ich mir je träumen lassen, dass ich an Weihnachten in einem Hotelzimmer mein Bett mit Alex teilen würde? Niemals hätte ich das.

Am späten Nachmittag klingelte sein Handy. Ich hörte Alex reden, verstand jedoch kaum etwas, weil er mit dem Telefon ins Bad ging.
„Alles okay?“ fragte ich, als er wieder heraus kam.
„Ja“, lächelte er mich an. Doch ich glaubte ihm dieses Lächeln nicht. Trotzdem hakte ich nicht nach.
Am Abend klopfte es an der Tür.
„Hallo, Peter“, sah ich ihn überrascht an.
„Hallo“, lächelte er mich an. „Ich wollte Ihnen nur bescheid geben, dass die Fluggesellschaft angerufen hat. Ihr Flug geht morgen Mittag um zwei.“
„Danke, Peter“, freute ich mich. Ich würde endlich nach Hause kommen. Zwar mit zwei Tagen Verspätung. Aber es war immer noch Weihnachten. Ich schloss die Tür wieder – und sah Alex an.
„Hast du schon was gehört?“ wollte ich von ihm wissen.
Doch ich bekam keine Antwort. Stattdessen zog mich Alex in seine Arme. Und raubte mir erneut den Verstand. Ich weiß nicht warum, aber es fühlte sich bereits jetzt schon wie ein Abschied an. Auch wenn wir noch die Nacht und den Vormittag für uns haben würden, irgendetwas stimmte nicht. Doch ich sprach es nicht aus. Ich genoss die Zeit mit ihm. Seine Umarmungen. Seine Nähe. Einfach alles.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich allein. Irritiert setzte ich mich auf und sah mich im Zimmer um. Wo war Alex? Und wo war seine Tasche? Ich stand auf und lief ins Badezimmer. Hatte er sich nicht gestern Abend hier noch rasiert? Doch nichts deutete darauf hin, dass jemand mit mir in diesem Zimmer gewesen war.

Hatte ich alles nur geträumt? War ich so müde gewesen, dass ich einen ganzen Tag verschlafen hatte? Dass heute der zweite Weihnachtsfeiertag war, stand ohne Zweifel fest. Das sagte mir mein Kalender.
Ich war völlig verwirrt. Fühlte mich allein. Einsam. Verlassen. Wieso passierte so etwas immer mir? Wieso passierte all das nur in meinen Träumen? Ich beschloss zu duschen und das Zimmer zu bezahlen. Und dann würde ich zum Flughafen fahren. Und in mein Leben zurückkehren. In mein wirkliches Leben.
„Hallo, Peter“, begrüßte ich den Mann hinterm Tresen.
„Guten Morgen, Miss Roberts“, strahlte er mich an. „Sie gehen schon?“
„Ja, ich werde am Flughafen eine Kleinigkeit essen, bevor mein Flug geht“, antworte ich ihm. „Können Sie mir die Rechnung geben?“ Gleich hätte ich den Schock hinter mir.
„Das Zimmer wurde bereits bezahlt“, sah er mich irritiert an, als sollte ich das wissen.
„Aber...“, sah ich ihn noch verwirrter an. „Von wem?“
Jetzt grinste Peter breit. „Von dem Herrn, mit dem Sie es geteilt haben“, antwortete er.
„Aber...“ Das war KEIN Traum gewesen? Wo war Alex?
„Der Flug von ihm ist bereits heute Morgen um sieben Uhr gestartet“, erzählte mir Peter.
„Oh“, machte ich. „Okay.“

Nein, nichts war okay. Er hatte mich also einfach so verlassen. Zwei Tage hatte Alex mit mir verbracht. Zwei Tage hatten wir ein Bett geteilt. Doch das allein reichte nicht. Was hatte ich denn erwartet? Dass er mir ewige Treue schwören würde? Einfach so? Mir? Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen.

„Ich habe noch etwas für Sie“, reichte mir Peter in diesem Moment einen Umschlag. „Von ihm.“
„Danke“, griff ich hölzern danach – und steckte ihn ein.
„Wollen Sie den Brief nicht lesen?“ wollte Peter wissen.
Ich starrte ihn an. Starrte eigentlich durch ihn hindurch. Ich fühlte mich so leer. So wie es immer war. Allein.
„Nein, jetzt nicht“, antwortete ich. „Danke für alles, Peter.“
„Ich wünsche Ihnen alles Gute, Miss Roberts“, lächelte er mich an.
„Das wünsche ich Ihnen auch“, entgegnete ich. Dann griff ich nach meiner Tasche und lief langsam in Richtung Ausgang. Ich ging geradewegs auf ein Taxi zu. Das konnte ich mir ja jetzt leisten. Immerhin hatte er... Wie konnte er nur? Wieso hatte er das getan? Wieso hatte Alex einfach so das Zimmer bezahlt? Ich hätte meine Hälfte auch allein übernehmen können! Und wieso hatte er nicht gesagt, dass er vor mir fahren würde? Wieso hatte er das verschwiegen?

Als ich im Flugzeug saß und über den Wolken schwebte, griff ich in meine Tasche, um nach einem Taschentuch zu suchen. Ja, ich war traurig. Und bevor ich bei meiner Familie war, konnte ich noch ein paar Tränen verdrücken, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Und nun hielt ich plötzlich den Brief in der Hand.

Das hätte er sich ruhig sparen können. Ich brauchte keine Abschiedsworte. Keine Zeilen, dass es ihm Leid tat. Und das ganze Blabla. Ich zögerte einen Moment, bevor ich den Brief öffnete. Vorsichtig öffnete ich den Umschlag. Was war das denn? Ein Flugticket? Was sollte das denn?
Ich schob das Ticket zurück ohne es anzusehen. Da war noch etwas darin. Ein Brief. Ein Zettel. Mit zitternden Händen schob ich das Papier auf, dann begann ich zu lesen:
„Hallo Julie. Ich danke dir für das schöne Weihnachtsfest...“ Ich schluckte. Und las weiter: „Ich wünschte, der Flughafen wäre noch länger geschlossen gewesen. Es tut mir leid, dass ich mich nicht von dir verabschiedet habe. Ich konnte es nicht...“ Warum? Aber das werde ich wohl nie erfahren. Weiter im Text: „Ich würde dich gern wiedersehen. Wirklich. Ich habe dir ein Ticket beigelegt. Weißt du, auch in Hawaii gibt es einen Flughafen – wir haben dort zwar keinen Schneesturm, aber vielleicht fällt uns etwas anderes ein...“ Jetzt musste ich lächeln. Ein Schneesturm in Hawaii. Das war wirklich süß.
Moment mal – hieß das etwa... er wollte mich wiedersehen? Ich sollte ihn besuchen?
Schnell las ich den Rest des Briefes: „Der Flug geht bereits in vier Tagen. Ich warte am letzten Tag des Jahres auf dich. Alex“
Das war es. Das war alles, was da stand. Kein „Ich werde dich vermissen“ oder „Du fehlst mir“ oder „Ich liebe dich“. Aber war das Ticket nicht fast dasselbe? Ich zog das Ticket noch einmal aus dem Umschlag. Ein Hinflugticket nach Hawaii. Abflug hier am 30. Dezember. Ankunft am letzten Tag des Jahres.
Lächelnd schob ich das Ticket und den Brief zurück. Dann steckte ich den Umschlag in meine Tasche. Ich würde nun zu meiner Familie fliegen. Es war das schönste Weihnachten, das ich wahrscheinlich in meinem ganzen Leben haben würde. Und ich werde diese Erinnerung immer in mir tragen. Ganz fest in meinem Herzen. Doch ich wusste, dass ich nicht mehr daraus machen würde. Es war perfekt so, wie es gewesen war. Und wenn es am schönsten war, sollte man die Bühne verlassen. Und ich gehörte nicht auf die Bühne. Ich gehörte in ein anderes Leben. In meins.


Svester und ...
Was soll ich sagen? Ich verbrachte die Tage bei meinen Eltern und meiner Schwester. Dann flog ich im neuen Jahr wieder zurück nach Hause. Ich bin NICHT nach Hawaii geflogen. Ich wusste nicht, wie ich meiner Familie hätte erklären sollen, dass ich ein Flugticket in ein fremdes Land in der Tasche hatte und dieses von einem mir eigentlich fremden Mann bekommen hatte. Außerdem wollte ich Alex nicht preisgeben. Das war mein Weihnachten gewesen. Mit ihm. Und ich wollte, dass es einfach meins bleiben sollte. Meine Erinnerung. Mein Erlebnis. Einfach nur meins.
Nein, ich habe es nicht bereut. Nicht wirklich. Okay, manchmal. Aber eigentlich... Ich wollte meinen Traum behalten. Ich wollte ihn nicht enden lassen. Das Märchen. Es würde kein Happy End geben. Kein „Und sie lebten glücklich und zufrieden...“ Ich hatte ein Weihnachtswunder erlebt. Und mehr konnte ich nicht erwarten. Ich lebte wieder mein Leben. Meins. Und ich war glücklich. Zufrieden. Es war halt mein Leben. Ende.Ja, ich dachte oft an ihn. Jeden Tag. Er war und blieb mein Traum. Ich träumte sogar von ihm. Okay, jede Nacht. Und ich konnte ihn nicht vergessen. Ja, ich vergoss auch ein paar heimliche Tränen. Allein in meiner Wohnung. Wenn ich das Ticket in den Händen hielt. Beinahe jeden Abend versank ich in der Erinnerung. Doch es war einfach nur eine Erinnerung. Und ja, ich fragte mich auch, warum ich nicht geflogen war. Aber ich glaube, es war einfach Angst. Angst davor, einen Traum aufzugeben. Meinen Traum.Das neue Jahr begann – und ich ging wieder arbeiten. Die Tage vergingen. Wochen. Der Januar ging vorüber. Der Februar. Es gab Tage, an denen ich meine Entscheidung mehr als in Frage stellte. Doch dann gab es Tage, an denen ich mir einreden konnte, dass ich das Richtige getan hatte. Dass ich nicht geflogen war. Dass ich nicht in seine Welt eingetaucht war. Ich redete mir ein, dass das Leben ohne Alex einfacher war. Weil mein Herz nicht in noch mehr Scherben zerfallen war.Mein Leben ging einfach weiter. Ich stand morgens auf und ging zur Arbeit. Dort blieb ich bis zum Abend und ging wieder nach Hause. Ich traf meine Freunde, ging aus. Doch es gab niemanden, der mein Herz berührte. Ich lernte zwar hier und da neue Menschen kennen, doch da gab es etwas vor mir. Wie eine Wand. Eine innere Barriere. Ich konnte und wollte einfach niemanden an mich heranlassen.„Was ist denn los mit dir?“ fragte mich Karen, bei der ich immer noch wohnte, eines Abends. Wir waren im Kino gewesen und hatten uns noch in eine Bar gesetzt. Vor fünf Minuten waren zwei Männer zu uns gekommen und hatten uns einen Drink ausgeben wollen. Ich hatte dankend abgelehnt.
„Was soll mit mir sein?“ sah ich Karen fragend an.
„Du bist total komisch geworden“, antwortete sie mir. „Ich weiß auch nicht, aber seitdem du Weihnachten bei deinen Eltern warst... Ich weiß ja, dass Shawn dir ganz schön wehgetan hat. Aber das ist doch kein Grund, dass du dich so einigelst.“„Ich igle mich ein?“ Ich war doch ein wenig geschockt über Karens Sichtweise.„Shawn war ein Arsch“, bemerkte Karen. Wieder einmal. „Du kannst doch wegen ihm nicht dein Leben so wegwerfen. Ich seh dich kaum noch lächeln. Süße, ich mach mir einfach Sorgen um dich.“„Das musst du nicht“, spielte ich gedankenverloren mit meinem Glas. Dann sah ich Karen offen an. „Ich verspreche mich zu bessern, okay?“ Es musste doch möglich sein, Alex einfach zu vergessen. Nein, nicht wirklich. Aber der Gedanke an ihn konnte doch nicht meinen gesamten Tagesablauf bestimmen. Ich musste mich wirklich wieder unter Kontrolle bekommen.
Und nach diesem Gespräch tat ich das auch. Ich nahm mein Leben wieder in die Hand. Ich suchte mir endlich eine kleine Wohnung. Es war zwar nur eine Ein-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss, aber es war mein Reich. Es wurde März und der Frühling meldete sich an. Die ersten Knospen traten hervor, die Vögel zwitscherten. Die Sonne verdrängte die Regen- und Schneewolken. Alles wurde heller. Freundlicher. Und auch mein Innerstes wurde wieder ruhiger. Ich fand zurück in mein Leben.
Das Flugticket hatte ich in einer kleinen Kiste in meinem Schrank verstaut – und mit ihm alle Gedanken an Alex verborgen. Es brachte ja doch nichts, in diesen zwei Tagen zu verweilen. Die Erinnerung war schön, aber mit der Zeit tat sie einfach nur weh. Wenn ich geflogen wäre – wer weiß, was passiert wäre. Doch ich war es nicht. Dieses „Was wäre, wenn...“ brachte doch alles nichts.
Es war Ende März. Die Sonne hatte diesen Tag schon so warm gestrahlt, dass ich mittags mit meinen Arbeitskollegen zum Eisessen gegangen war. Dafür musste ich zwar länger arbeiten, doch das Licht und die Wärme der Sonne hatten mir einfach nur gut getan. An diesem Freitag war der letzte Arbeitstag vor dem Osterurlaub. Ich musste endlich die restlichen Urlaubstage aus dem alten Jahr nehmen, hatte mir mein Chef vor zwei Wochen ans Herz gelegt. Also würde ich diesen mehr oder weniger gezwungen ab Montag antreten. Ich hatte nichts geplant, würde ein wenig bummeln gehen und für meine Wohnung noch das ein oder andere Dekostück suchen.

„Wir sehen uns dann in zwei Wochen, Emily“, verabschiedete sich Sarah, meine Arbeitskollegin, gerade von mir. Es war spät geworden. Nach halb neun. Es war dunkel – Sarah wurde von ihrem Freund abgeholt. Wie immer. Und ich würde mich jetzt auf den Weg zur U-Bahn machen, um nach Hause zu gelangen.

Sarah umarmte mich gerade, als ich sie sah. Die Gestalt, die aus dem Schatten trat. Den Mann, der da stehen blieb und mich ansah.

„Hallo, Julie“, hörte ich ihn sagen. Ich konnte nicht glauben, dass ich wirklich seine Stimme hörte. Im ersten Moment zuckte ich zusammen und zwinkerte, weil ich der Meinung war, dass ich träumte.

Doch so war es nicht.

Sarah sah irritiert und neugierig von ihm zu mir. „Wer ist das?“ wollte sie neugierig wissen. „Und wieso nennt er dich Julie?“ Okay, sie wollte mich nicht alleine lassen. Ich hätte sie mit einem Fremden auch nicht allein gelassen. Doch dieser Mann da – er war alles andere als fremd.

„Wir sehen uns dann“, hörte ich mich zu Sarah sagen, dann ging ich langsam auf den Mann zu. Ich glaube, ich hatte ihm einiges zu erklären. Und er mir. Was machte er hier? Wieso war er da und stand vor mir?

Ich blieb vor Alex stehen und sah ihn an. „Was machst du hier?“ fragte ich leise.

Alex lächelte unsicher. „Du hast dein Ticket verfallen lassen“, beantwortete er mir meine Frage nicht.

„Ich... es ging einfach nicht“, versuchte ich zu erklären. Doch eigentlich gab es keine Erklärung. „Deshalb bist du hier?“

„Vielleicht“, blieb er immer noch vor mir stehen. Die Hände hatte er in den Taschen seiner Jeans vergraben. Er wirkte unsicher – wegen mir?

In diesem Moment fielen ein paar Regentropfen auf uns herab. Ich sah in den dunklen Himmel. Es waren keine Sterne zu sehen. Vielleicht begann jetzt das Unwetter, von dem sie heute Nachmittag in den Nachrichten gewarnt hatten.

Ich zog Alex mit mir zurück vor den Hauseingang, während ein stürmischer Wind aufzog und der Regen kräftiger wurde.

„In welchem Hotel wohnst du?“ wollte ich wissen. Vielleicht könnten wir uns einfach in den nächsten Tagen noch einmal auf einen Kaffee treffen.

„In keinem bis jetzt“, antwortete Alex.

Jetzt war ich total verwirrt. Er war hier. Hierher geflogen. Hatte ewig lange Stunden im Flugzeug verbracht. Er hatte hier doch sicher irgendwo einen Termin. Und auch ein Hotelzimmer gebucht. Oder nicht?

Der Regen peitschte vom Sturm angetrieben in unsere Richtung und es dauerte keine Minute, bis meine Hose durchnässt war. Die Jacke hielt dem Wasser noch etwas stand, doch lange würde ich es hier so nicht aushalten. Und krank wollte ich meinen Urlaub auch nicht verbringen.

„Ich muss nach Hause“, sah ich ihn an und spürte die Tropfen, die über mein Gesicht liefen. Auch Alex war klitschnass. „Willst du mitkommen?“ Ich fragte einfach. Ohne darüber nachzudenken.

Er nickte. Also griff ich nach seiner Hand und zog ihn mit mir zur U-Bahn-Station. Wir sprachen kein Wort, während wir nebeneinander saßen und dann zu meiner Wohnung gingen. Inzwischen spürte ich die Nässe am ganzen Körper. Ich schloss meine Tür auf und ließ Alex eintreten. Ich wollte nur raus aus diesen nassen Klamotten. Der Stoff klebte an mir. Und Alex sah auch nicht besser aus.

„Willst du zuerst unter die Dusche?“ bot ich meinem Gast an. Keine Ahnung, was er danach anziehen würde. Wieso hatte er eigentlich keinen Koffer bei sich?

Doch Alex antwortete mir nicht. Stattdessen spürte ich plötzlich seine Arme, die mich an ihn heranzogen. Und dann seine Lippen... Ich schloss meine Augen, versank wieder in unserer Welt. Ich hatte ihn mehr vermisst, als ich jemals zugegeben hätte. Das erkannte ich in diesem Moment. Wie eine Ertrinkende schlang ich meine Arme um ihn und hielt ihn ebenso fest wie er mich. War er wegen mir zurückgekommen?

Alex löste sich nach einer Ewigkeit von mir und sah mir in die Augen.

„Es war nicht einfach dich zu finden“, murmelte er. „Du heißt gar nicht Julie, oder?“

Ertappt schüttelte ich meinen Kopf. „Emily“, antwortete ich leise. „Ich heiße Emily.“

„Wieso hast du mir nicht deinen Namen genannt?“ wollte er wissen.

Ich löste mich aus seinen Armen und trat einen Schritt von ihm zurück. „Weil ich... weil du... wozu?“ sah ich ihn dann traurig an. „Es waren zwei Nächte. Und ich... wieso bist du hier? Und jetzt sag ja nicht, du hast mich vermisst...“ Doch, genau das wollte ich aber hören!

„Das habe ich aber“, fiel er mir ins Wort und sah mich ebenso traurig an. „Ich habe jeden Tag an dich gedacht. Am Anfang dachte ich auch noch, dass es nur zwei Tage waren. Zwei Tage, weil wir beide einsam waren. Allein. An Weihnachten. Und doch wollte ich dich wiedersehen. Und ich stand am Flughafen am letzten Tag des Jahres. Aber du bist nicht gekommen.“ Er schluckte – und ich hatte schon fast ein schlechtes Gewissen. „Ich habe in unserem Hotel angerufen, doch dort wurde mir gesagt, dass du das Ticket bekommen hattest. Also hoffte ich auf ein Zeichen von dir...“

„Ich konnte nicht“, flüsterte ich. Alex schwieg nun und sah mich abwartend an. Ich musste niesen und entschuldigte mich. Ich wollte nur raus aus den Sachen, bevor sich die Erkältung noch breit machte.

Ich wollte ein paar Minuten für mich allein haben. Ich musste nachdenken. Darüber, wieso er überhaupt hier war. Und was das alles für mich bedeutete. Also ging ich die wenigen Schritte zum Badezimmer und öffnete die Tür. Doch Alex war sofort hinter mir. Er drehte mich zu sich herum und öffnete mit zitternden Händen meine Jacke. Ich griff nach seiner Hand, die ebenfalls eiskalt war. Jetzt gab es für uns beide nichts mehr zu überlegen. Nur wenige Sekunden später standen wir unter dem warmen Wasser in meiner Dusche und sahen uns an.

„Wieso bist du nicht gekommen?“ flüsterte Alex seine Frage erneut und legte seine Hand um meine.

„Weil du in deiner Welt lebst und ich in meiner“, antwortete ich ihm nun ehrlich.

Alex lachte bitter auf. „So einen Quatsch habe ich ja noch nie gehört“, murmelte er. „Jede andere hätte alles aufgegeben um bei mir zu sein...“

„Ich bin nicht jede andere“, unterbrach ich ihn aufgebracht. Was dachte er denn, wer er war?

„Das habe ich auch bemerkt“, gab Alex zu und ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Und das finde ich auch gut. Deshalb bin ich auch hier...“

„Wie hast du mich überhaupt gefunden?“ wollte ich nun wissen. Seine Finger spielten mit meinen. Und ich spürte das Kribbeln. Wie damals im Hotelzimmer. Was machte dieser Mann in meiner Wohnung? In meiner Welt? In meinem Leben?

„Das war gar nicht so einfach“, gab er zu. Mehr sagte er nicht.

„Du willst es mir nicht erzählen“, stellte ich dann fest.

„Nein“, gab er grinsend zu. Seine Hände wanderten meinen Arm entlang nach oben und legten sich auf meinen Rücken. Inzwischen waren seine Hände warm. Ich spürte das Wasser kaum noch, denn meine Sinne hatten sich auf Alex konzentriert.

„Was machst du?“ wollte ich wissen, als er mich ganz nah zu sich heranzog. Da gab es nichts mehr zwischen uns. Kein einziges Stück Stoff. Noch nicht einmal das Wasser hatte noch eine Chance.

Alex räusperte sich und lächelte dann. „Dort weiter, wo wir aufgehört haben.“

Jetzt sah ich ihn traurig an. Denn die Erinnerung an den Morgen kam wieder. Als ich allein im Hotelzimmer aufgewacht war. „Das heißt, du gehst wieder ohne dich zu verabschieden“, stieß ich hervor und schob ihn von mir. Noch ehe er auch nur den Hauch einer Chance hatte mich aufzuhalten, lief ich aus der Dusche und wickelte ein großes Handtuch um mich. Dann verließ ich fluchtartig das Badezimmer.

Nervös stand ich in meinem Wohn- und Schlafraum. Ja, genau das war es, was ich verdrängt hatte. Die Leere, die ich an dem Morgen gefühlt hatte. Die in mein Herz geschnitten hatte. Wie konnte ich das alles nur verdrängen und in den anderen zwei Tagen verweilen? Wieso war das menschliche Gehirn nur darauf ausgerichtet, von einer Situation nur das Beste zu behalten?

„Emily“, hörte ich auch schon seine Stimme hinter mir.

Nachdenklich drehte ich mich zu ihm um. Alex hatte sich ebenfalls ein Handtuch genommen, dass er locker um die Hüfte geschwungen trug. Und schon meldete sich mein Kopfkino wieder. Kein guter Zeitpunkt. Wenn man versucht seine Wunden zu verbergen.

Er stand da und sah zu mir. Alex bewegte sich keinen Millimeter. Ich sah ihm an, wie er nach den richtigen Worten suchte.

„Ich konnte mich nicht von dir verabschieden“, eröffnete er mir dann.

„Wieso nicht?“ hakte ich natürlich sofort nach. Was war das denn auch für eine Antwort?

„Ich hätte nicht gehen können“, flüsterte er seine Antwort so leise, dass ich sie kaum verstand. Was hieß das denn? Er hätte nicht gehen können? Wenn er sich verabschiedet hätte? Es waren nur zwei Tage. Dass ich an ihm hing, war ja nichts Außergewöhnliches. Ich meine, ich bin immerhin eine Frau. Frauen träumen nun mal. Doch er? Wieso hätte es ihm so viel bedeuten sollen? Er kannte mich nicht. Und er kennt mich immer noch nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glauben konnte, was er mir zu sagen versuchte.

Alex und ich standen also da. In meiner Wohnung. Und sahen uns an. Was sollte ich tun? Ich konnte ihn nicht wegschicken. Dieses Mal wäre mein Herz richtig zerbrochen. Doch die Frage, warum er wirklich hier war, nagte in mir. Ich konnte nicht glauben, dass er wirklich wegen mir hier war.

Alles, was ich in diesem Moment wusste, war, dass ich ihn nicht gehen lassen konnte. Und Alex wartete auf ein Zeichen. Von mir. Und endlich gab ich mir einen Ruck und ging langsam auf ihn zu. Schritt für Schritt. Bis ich vor ihm stehen blieb. Ich hob meine Hand und strich mit den Fingerspitzen über seinen Oberkörper. Und musste lächeln, weil er sofort auf meine Berührung reagierte.

„Emily, ich bin nicht hier zum Spielen“, flüsterte er plötzlich in mein Ohr.

„Das ist aber schade“, flüsterte ich frech zurück und grinste.

„Ist da ein anderer?“ wollte er nun wissen.

Irritiert sah ich ihn an. „Ein anderer?“

„Gibt es jemanden in deinem Leben, dem dein Herz gehört?“ formulierte er seine Frage neu. Also nickte ich. Ja, es gab jemanden, den ich in mein Herz gelassen hatte. Den ich in den vergangenen Monaten nicht vergessen konnte.

„Oh“, machte er und drehte sich von mir weg.
„Du hast nicht gefragt, wem mein Herz gehört“, griff ich nach seiner Hand.
Alex sah mich traurig an. „Ich denke, dass ist nicht wichtig.“

„Ich denke aber schon“, zog ich ihn zurück zu mir. „Und ich hoffe, du passt gut darauf auf!“ Oh ja, ich hatte es ihm gesagt. Einfach so. Ich wusste nicht, wie er darauf reagieren würde. Und ja, ich hatte Angst vor seiner Reaktion. Aber immerhin war er hierher gekommen, oder? Zu mir.

Ich beobachtete Alex´ Gesicht. Die Trauer wich einer Erkenntnis – und dann strahlte er plötzlich. Und seine Lippen lagen auf meinen. Ich glaube, wir hatten beide so vieles nachzuholen. Es war die Sehnsucht, die ich spürte. Und die auch von ihm ausging. Alex´ Hände bahnten sich ihren Weg unter mein Handtuch – und meine taten dasselbe bei ihm. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu meinem Bett gekommen war. In mein Bett. Doch ich werde mich immer an den Augenblick erinnern, als er mich ansah – und wir zu einem Ganzen verschmolzen.

„Versprich mir, dass du morgen Früh noch da sein wirst“, stellte ich dieselbe Forderung, die er damals an mich gestellt hatte.

„Ich verspreche es dir“, sah Alex mir tief in die Augen. Ich versank in dem dunkelblauen Meer.

„Versprich mir, dass du dich dieses Mal verabschieden wirst“, sprach ich die Worte aus.

„Das werde ich nicht“, schüttelte er mit dem Kopf.

Und ich spürte die einsame Träne, die aus meinem Auge tropfte. Er hatte vor wieder zu gehen. Einfach so. Und ich würde wieder allein zurück bleiben...

„Ich werde mich nicht mehr verabschieden“, küsste er mich wieder und wieder. „Ich habe nicht vor zu gehen.“

„Wirklich?“ sah ich ihn ungläubig an. „Ich meine, du...“
„Wir finden einen Weg“, unterbrach er meine Zweifel und die tausend Gedanken, die gerade in meinem Kopf hallten. „Hey, immerhin bist du doch mein Weihnachtsgeschenk gewesen. Und Geschenke behält man doch.“ Er lächelte mich an, begann sich langsam zu bewegen.
„Alex“, stöhnte ich seinen Namen. Unfähig noch einen normalen Gedanken zu beenden. Als es dann soweit war, als das Feuerwerk erschien, als die Erde sich bewegte, als wir zwei gleichzeitig unseren Himmel erreichten, hatte ich das Gefühl zu schweben. Es war das zweite Mal, dass ein Märchen wahr wurde. Meins. Doch würde ich es dieses Mal wirklich halten können?

Alex nahm mein Gesicht zwischen seine Hände. „Würdest du es versuchen? Mit mir?“

„Zusammen zu sein?“ fragte ich nach. Er wollte das wirklich?

Alex nickte. „Ich habe die ganzen Monate jeden Tag an dich gedacht“, erzählte er.
„Mir ging es genauso“, gab ich zu.
„Aber du hättest dich nicht gemeldet“, stellte er fest.

„Nein“, hauchte ich. „Aber du bist ja jetzt da.“

„Und ich werde auch hier bleiben“, lächelte Alex. „Ich liebe dich.“

Wirklich? Mein Herz machte einen Extra-Sprung.

„Du kennst mich doch noch gar nicht“, gab ich zu Bedenken. „Wer weiß, vielleicht magst du mich in einer Woche schon gar nicht mehr. Oder in einem Monat...“

„Vielleicht magst du mich ja auch gar nicht mehr“, fiel Alex mir ins Wort.

„Du bist ein Mann“, stellte ich nüchtern fest. „Ihr seid doch alle gleich.“ Und ich grinste.

„So?“ fing Alex an mich zu kitzeln. „Das nimmst du zurück!“

„Nein“, lachte ich auf und wand mich unter seinen Fingern. Doch Alex hatte kein Erbarmen. „Bitte, aufhören!“ jammerte ich irgendwann.

„Ergibst du dich?“ fragte Alex.

„Ja“, japste ich nach Luft und endlich hörte er auf. „Das ist Erpressung“, protestierte ich dann.

„Nein, ist es nicht“, suchte Alex meinen Mund und ich genoss es einmal mehr ihm so nah zu sein.

„Glaubst du wirklich, das mit uns könnte funktionieren?“ fragte ich ihn später.

„Wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir es nie wissen“, antwortete Alex. Und traf den Nagel auf den Kopf. Und seit diesem Tag lebe ich mein Märchen. Mit meinem Prinzen an meiner Seite. Manchmal glaube ich, der Weihnachtsmann hatte sich nur einen kleinen Scherz erlauben wollen – doch daraus war die große Liebe geworden. Ein Weihnachtswunder. Unser Weihnachtswunder.
 Ende




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Kommentar von sandy21, 29.06.2012 um 17:58 (UTC):
scheenn :-



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